Mittwoch, 25. November 2015

Familiär und schön: Adventszeit früher


Schlicht, ähnlich wie hier, war früher der Adventskranz. (Fotos: presseweller)


Et duart noch wat, bes det Chreskennche kömmt


Von Georg Hainer

25. November 2015. Siegen. Viele werden sich noch an die Adventszeit in den 1950er- und bis in die 1960er-Jahre erinnern. Es ist vor allem die Generation, die in den 1940er- und bis Anfang der 50er geboren wurde. Gerade Anfang der 1950er war das Leben in Sachen Essen und Anschaffungen alles andere als üppig, aber ausreichend, um zufrieden zu sein. Nach dem Krieg hatte man Geduld, und nach Einführung der D-Mark schien es aufwärts zu gehen. Später später nannte man diese Verbesserung  „Wirtschaftswunder“. Obwohl viele Väter noch keine 40-Stunden-Woche hatten und teils auch samstags arbeiten mussten und die Schulkinder ebenfalls samstags Unterricht hatten, ging es familiär, gemütlich zu. In der Adventszeit war das noch besonderer als sonst.

Begann die stillere und ruhigere Zeit für die katholischen Bekannten bereits mit Allerheiligen, war das für die evangelischen am Totensonntag so, heute auch Ewigkeitssonntag genannt. An beiden Tagen war für die einen wie für die anderen der Friedhofsbesuch obligatorisch. Den Verstorbenen Ehre erweisen, ihrer gedenken. Viele halten das bis heute so. In der Woche vor dem 1. Advent ging es bei uns hinaus, um Tannenäste zu sammeln, im nahen Wald oder bei Verwandten, die „Dänne“ (Tannen) oder sogar einen kleinen Wald hatten. Aus diesen Zweigen steckte dann meist die Mutter einen Kranz zusammen. Der Grundbau, verflochtene kleine Äste, war jedes Jahr der selbe. Der fertige Kranz wurde zum Teil mit rotem Band drapiert, womit er etwas feierlicher aussah. Außerdem wurden Kerzenhalter, oft aus Blech und leicht silbrig glänzend, angebracht. Kerzen einstecken. Fertig. Nicht ganz. Es gab extra eine Halterung – bei uns in rotem Holz  mit unterem Boden in Sternform. In der Mitte steckte eine Stange, an deren Spitze die roten Bänder befestigt wurden, so dass nun der Adventskranz in dieser Vorrichtung, dem Adventskranzständer, hing. Jetzt aber fertig.Nun konnte der 1. Advent kommen. Für uns Kinder war das spannend, rückte doch die Weihnacht ein Stück näher. Allerdings sagten die Eltern: „Et duart noch wat, bes det Chreskennche kömmt“ (es dauert noch etwas, bis das Christkind kommt).




Früher hing der Adventskranz an einem Ständer.


Basteln und singen

Wenn es an diesen Tagen das Abendrot gut meinte, sagte Mutter oder Vater: „Det Chreskend backt“. (Das Christkind backt). Da die Abende viel länger waren als noch im Sommer und Frühherbst, saßen wir abends zusammen und bastelten oder malten mit Buntstiften. Bei uns war „Wasserglas“ angesagt. Der flüssige Stoff erhärtete nach dem Auftragen. Damit und mit buntem Papier, auch Luftschlangen, konnte man kleine bunte Schüsseln bauen. Sahen gut aus. Wir konnten auch schon einmal mit der Flöte Weihnachtslieder üben. Mancher weiß noch: „Alle Jahre wieder“ geht mit am einfachsten!
Endlich 1. Advent. Mit vielen Nachbarn gemeinsam ging es morgens in die Kirche. Und da war es gleich wieder da, dieses bekannte Adventslied, das uns bis heute begleitet: „Macht hoch die Tür, die Tor macht weit, es kommt der Herr der Herrlichkeit ...“. Dort oder im Kindergottesdienst hörten wir nun die biblischen Geschichten von der Ankunft des Messias; schließlich heißt Advent übersetzt „Ankunft“. Wir können auch „Vorbereitung“ sagen.

Das erste Licht und "säuselt Friede nieder"


Gegen Abend wurde dann zu Hause das erste Licht am Adventskranz entzündet. Die ganze Familie war versammelt. Es gab süße Kleinigkeiten zum Knuspern. Mal gucken, wie es schon mit dem Flötenspiel geht. Es wurde gemeinsam gesungen, von „Macht hoch die Tür“ über „Es kommt ein Schiff geladen ...“ bis zu „Leise rieselt der Schnee“ und oft auch das wunderschöne Abendlied, das in jede Jahreszeit passt „Abend wird es wieder über Wald und Feld ...“. Bemerkenswert in heutiger Zeit ist das, wie es dann im Lied weitergeht: „säuselt Frieden nieder, und es ruht die Welt“. Bezogen auf den heutigen Zustand der Welt, wäre diese Strophe vielleicht sehr sinnvoll, Menschen in allen Erdteilen sollten sich einmal darauf besinnen, da wir doch in einer Zeit leben, in der es überall Kriege, Aufruhre, Anschläge, Folter, Mord und Grausamkeiten aller Art gibt, wobei es um Macht, Glauben, Bodenschätze und Kapital geht. Es ist aber auch eine Zeit, in der sich Menschen von der steigenden Schnelllebigkeit in Beruf und allgemein mehr und mehr „gestresst“ fühlen, trotz der auf dem Papier geringeren Arbeitszeiten als zur damaligen Zeit.
Was für eine kaum noch erklärbare Welt!
Damals aber war es spätestens nach dem Abendlied Zeit, um ins Bett zu gehen. Vater oder Mutter sagte: „Ett wird Zitt, dat ihr eh d'd Bedde kommt“ (Es wird Zeit, dass ihr ins Bett kommt). Ging dann auch problemlos nach solch einem schönen, abwechslungsreichen und ruhigen Tag - gemütlich und besinnlich mit uns allen, mit Vater, Mutter, Bruder und/ oder Schwester. Das haben wir noch gemeinsam bis weit in die 1960er-Jahre, bi weit in die Jugendzeit, so gepflegt.
Zum "Ins-Bett-gehen": Wir wussten, in einer Woche wird es wieder so sein, und dann ist es noch kürzer bis zum „Chresdag“, Heiligabend, Weihnachten. Träume vom Lichterbaum und kleinen Geschenken begleiteten uns. Was für eine wundervolle Zeit!


Der Schriftsteller und Autor Georg Hainer schreibt und veröffentlicht seit Ende der 1970er Lyrik wie zur Ausstellung "Dichterisches Bildhauen", in kleinen Büchlein wie "Ferne Träume, Brücken suchend" sowie Texte und Geschichten, auch in Siegerländer Platt, in den Heimatbüchern des Siegener Verlags Buch-Juwel, am bekanntesten "Wo Riewekooche auf den Bäumen wachsen". 

Alle Rechte bei Verlag Buch-Juwel, Siegen. Kurze Zitate mit Quellenangabe und Links erlaubt


Freitag, 13. November 2015

Neu: Backes-Poster Siegerland


Der Siegener Verlag Buch-Juwel hat jetzt ein DIN-A2- Poster mit 19 Siegerländer Backhäusern herausgebracht, von Alchen bis Wilnsdorf.  (Repro: presseweller.de)

Backhäuser im Siegerland - Viele Orte vertreten


13. November 2015. Siegen (Dialog/ prw). „Dr Backes“, das ist schon immer ein Begriff im Siegerland. Dank der Heimatvereine gibt es seit Jahrzehnten wieder viele Backhäuser im Siegerland, nachdem es in den 1960er-Jahren und noch danach still um sie geworden war. Der Siegener Verlag Buch-Juwel hat nun 19 Siegerländer Backhäuser mit den aktuellen Ansichten in einem DIN-A2-Vierfarb-Poster zusammengestellt.

Wie schon bei „Kapellenschulen“ ist es dem Verlag wichtig, die alte Tradition aufzuzeigen und festzuhalten. Neben den verschiedenen veröffentlichten Textbeiträgen rund um Backes und Schanzenbrot geht es bei Buch-Juwel darum, auch bildlich auf die Tradition hinzuweisen. Schließlich gibt es den Backes oder das Backhaus seit Jahrzehnten wieder in vielen Dörfern des Siegerlandes. Die Gebäude, oft an oder in Nähe eines Baches, wurden von rührigen Heimatvereinen renoviert, saniert oder sogar neu aufgebaut. Es gibt Backtage und Backesfeste. Die Bilder zeigen einen großen Teil der aktuellen Siegerländer Backhäuser, aber nicht alle, weil so viele nicht aufs Poster passten. Es ist eine Auswahl.  
„Wir kennen noch den - längst abgerissenen - Backes am Bach mit Schleifstein im Heuslingtal „Zur Enke“ aus den 1950er-Jahren, wissen von Zeitzeugen, wie es früher ablief und wollten nun einmal zeigen, wie sich heute die Gebäude darstellen. Es ist zugleich eine Anerkennung für die vielen Menschen in den Heimatvereinen, die sich für die Wiederbelebung engagiert haben“, heißt es aus dem Verlag.

Die Backes-Ansichten reichen von Alchen bis Wilnsdorf und von Birlenbach bis Obersdorf. Ohne die ganze Vielfalt der Siegerländer Backhäuser in einem Poster zeigen zu können, sind Backhäuser aus dem Siegener, Eiserfelder und Geisweider Raum, dem Freudenberger Land sowie aus den Gemeindebereichen Netphen, Wilnsdorf und Burbach, einschließlich Hickengrund, zu sehen.
Authentisch und regional: Neben Fotos, Zusammenstellung und Layout aus Siegen wurde auch der Druck im Siegerland, in Netphen, ausgeführt.
Das Vierfarb-Poster, auf festem 170-Gramm-Papier in Glanz-Ausgabe gedruckt, eignet sich auch gut zum Rahmen. Für Heimatfreunde sicher eine Bereicherung, aber auch als Geschenk für andere oder auswärtig lebende Siegerländer eine Idee. 
Details liest man auf http:www.buch-juwel.de unter Poster. 


Freitag, 30. Oktober 2015

In Siegen: Asyl- und Flüchtlingshilfe vor Ort


Das Cafe kommt bei Betroffenen und Einheimischen gut an. (Foto: presseweller)


In der Winchenbach gibt es ein „Café international“


Oktober 2015. Siegen (Prw). Im Siegerland haben inzwischen zahlreiche Asylsuchende und Flüchtlinge eine „Herberge“ gefunden, ob in größerer Zahl in Unterkünften an der Uni in Weidenau und anderswo oder im kleineren Rahmen. In Siegen sind unter anderem in der Turnhalle der Winchenbachschule, ehemalige Hauptschule, seit einigen Wochen immer um die 50 hilfesuschende Menschen unterschiedlicher Herkunft untergebracht, teilweise Familien mit auch kleineren Kindern sowie Paare und Alleinstehende. 

Seit Anfang an gab es Informationen seitens der Stadtverwaltung. Die Siedlergemeinschaft Münterweg-Winchenbach und die Erlöserkirchengemeinde hatten direkt Unterstützung angeboten. Mittlerweile gibt es sogar ein „Café international“.
Asylsuchende, die vorübergehend oder länger in einer entsprechenden Unterkunft wohnen, finden Schutz, werden versorgt, brauchen aber auch Hilfe. Ob es um Bekleidung - gerade jetzt ist Wärmendes für den Winter notwendig - Schuhe oder Spielzeug für die Kinder geht: Unterstützung ist in vielerlei Hinsicht angebracht, einschließlich persönlicher Betreuung und Zuwendung. Dabei gibt es zwar Sprachbarrieren, aber hier und da kann man sich in Englisch verständigen, ansonsten mit Mimik, Wörterbüchern sowie „Händen, Füßen“.

Betreuung und Café
In der Winchenbach in Siegen fanden sich schnell viele zusammen, die helfen wollten und von Beginn an helfen. So wurden schon Fahrradtour und gemeinsamer Einkauf organisiert, gibt es Spiele und Beschäftigung für die Kinder, außerdem wurden Bekleidung, Schuhe, Spielzeug und vieles andere gespendet.
Für das Zusammensein und Kennenlernen von Betroffenen und hier ansässigen Menschen gibt es im Schulgebäude das „Café international“. Es findet großen Zuspruch. Das Café öffnet jeden Freitagnachmittag und wird von freiwilligen Helferinnen und Helfern betreut. Dank Spenden gibt es immer reichlich Kaffee und Kuchen sowie auch Tee, Kakao und Mineralwasser. Für die Asylanten und Flüchtlinge bringt diese Einrichtung Abwechslung in den Alltag.
So zeigt auch dasWinchenbacher Beispiel, dass Menschen zur Hilfe bereit sind, um die Not anderer zu lindern. Nichtzuletzt ist es für beide Seiten eine Bereicherung. (jw)


Foto: Das Plakat macht aufs Café international aufmerksam. (Foto: presseweller)

Dienstag, 13. Oktober 2015

Schön war es früher: Siegerländer Herbst



Immer wieder schön, Blick auf die Ähl im Herbst. (Fotos (c): presseweller)



Glänzende Kastanien suchen, basteln und Laternen rausholen


Oktober 2015. Die Sonne taucht schon am frühen Abend weit hinter dem Heidenberg nach und nach ab und versetzt den Himmel ringsum nochmals in Rot. So sahen wir es früher vom Rosterberg in Siegen aus. Dämmerung. Ganz früher tauchten noch Gaslaternen manche Straßen in ein fahles, besonderes Licht. Zeit, um es sich im Haus gemütlich zu machen, so erinnert sich Jürgen Weller.

Der Herbst ist geblieben, die Zeiten haben sich verändert, vielleicht auch hier und das Wetter. Es schien früher „verlässlicher“ zu sein. Aber im Kreislauf der Jahrhunderte und Jahrtausende ändern sich Klima und Wetterbedingungen immer wieder, so dick auch die Hausdämmung Jahr für Jahr werden soll. In seinen verschiedenen Herbstgedichten, die nicht nur das Siegerland betreffen, beschreibt Autor Georg Hainer oft, wie verschwenderisch der Herbst mit Farben umgeht, die Wälder in ein buntes Allerlei versetzt, Landschaft und Menschen langsam zur Ruhe kommen. Der Gedichtsblog mit allen möglichen Themen ist über www.buch-juwel.de aufrufbar.



Kastanien finden, sammeln und damit basteln.



Figuren und bunte Drachen


Der Herbst war für uns Kinder nicht nur die Zeit der Ernte, der frischen Äpfel, Birnen und Pflaumen. Es war und ist auch die Zeit der Kastanien mit ihrer wunderschönen braun glänzenden Oberfläche. Gesammelt wurde zum Beispiel rund um die Eintracht, die ehedem Leonhard Gläser anlegen ließ. Kastanien sind ein schönes Dekomaterial, für uns waren sie aber auch Bastelobjekt. Mit kleinen Stäbchen oder Streichhölzern wurden zu Hause mit Mutter oder Eltern Männchen und andere Figuren gebaut. Die Drachen, die von der Radschläfe und über Stoppelfeldern am langen Seil in die luftige Höhe ruckelten, bauten oft die Väter mit den Kindern. Mit Leisten, buntem Papier und Geschick entstanden rote, blaue und mehrfarbige Drachen. Wunderschön, wenn sie dann in der Höhe standen und bewundert werden konnten. Aber das gibt es ja immer noch, wie wir zum Beispiel auf dem Giersberg und in Wilden beim Drachenfest sehen.



Wenn am Herbstmorgen die Sonne über den Wald streift wie am Häusling. 



Laterne, Laterne …


… Sonne, Mond und Sterne. Im November wird es noch früher dunkel. Die meisten Bäume haben schon ihre Blätter verloren, wirken kahl. Und da bringen gerade richtig die Laternen wieder Licht und Farbe ins dunklere und oft diesige Wetterspiel. Sie wurden meist gekauft: einfache kleine zylinderförmige Laternen in verschiedenen Farben oder auch große Sonnen oder Monde in gelber Grundfarbe, die gut leuchteten. Meist zogen wir mit mehreren Kindern um die Häuser und sangen Laternenlieder. Der Haupttag aber war St. Martin. Es ist der 11. November, an dem des Heiligen gedacht wird. Martin soll seinen Mantel mit einem Bettler geteilt haben. Wie gut passt das in diese Zeit, in der Abertausende Menschen Asyl und Schutz suchen. Zum Martinstag gibt es verschiedene Bräuche und auch heute noch in vielen Orten Martinszüge: „St. Martin, St. Martin ...“ ist eines der Lieder, das gespielt oder gesungen wird. Dieser Tag hat es übrigens eine viel weitere Bedeutung. Da geht es auch um Fasten, Ende des Erntejahres und mehr.
Wenn dann Ende November Abendrot zu sehen ist, dann sagten die Eltern: „Guck, das Christkind backt“. Damit gab es nun für Kinder eine weitere schöne Zeit des Erwartens, der Advent bis zum Heiligen Abend.
Die Kinder der Generation der 1940 bis Mitte 1950 geborenen Eltern haben meist auch noch diese Zeit des gemeinsamen Bastelns, des Kastaniensammelns und mehr erleben können. Aber doch scheint sich das eine und andere im Zuge der „neuen Welt“, des Internets, der Handys und Smartphones sehr verändert zu haben. Schön, dass man „das Alte“ zumindest noch in Erinnerung hat und davon erzählen kann. (jw)

Auf www.buch-juwel.de gelangen Sie zu den verschiedenen Blogs.

Mit „Herbst total“ sind auf den seiten www.presseweller.de auch kleine Magazine und Videos aufrufbar. Ach so, alles frei aufrufbar!

Info: Der Siegener Journalist Jürgen Weller schreibt seit über 30 Jahren über verschiedene Spezialthemen; dazu gehören auch Feiertage wie St. Martin, Allerheiligen und mehr, und er berichtet über Siegen und das Siegerland. Seine Texte sind in Tages- und Wochenzeitungen über die Jahre in zig-millionenfacher Auflage in diesen Medien erschienen. Das Thema Siegerland - Heimat, Kultur, Tradition und Mundart - ist ihm ein Anliegen. In Zusammenarbeit mit dem angeschlossenen Verlag entstanden so zahlreiche Heimatbücher, außerdem mehrseitige Reports/ Magazine sowie Berichte in Blogs. 

Mittwoch, 30. September 2015

Erntedank - nicht nur - im Siegerland



Was der Boden gegeben hat. Bei einem Erntedank-Hoffest in Wilgersdorf.  


Mr ha Erndedank / Ernten, was man gesät oder angepflanzt hat


Von Georg Hainer

Ist es nicht einfach wunderbar, im Spätsommer und Herbst ernten zu können, was man gesät hat? Ist es nicht Jahr für Jahr seit Generationen ein Wunder der Natur, dass Kartoffeln, Gemüse, Tomaten und Früchte aus einem kleinen Saatkeim oder an Baum oder Strauch so heranwachsen können? Ja! „Wer sät, der erntet“, heißt es. Egal, in welchem Land man lebt und welcher Religion man sich zugehörig fühlt. Dazu gibt das Land noch gratis dazu, was man gar nicht selbst angebaut hat.

Erntedank, zum Teil mit großen Festen und Umzügen, ist überall auf der Welt verbreitet. Wenn wir auch in der Kindheit mit den Eltern oft sonntags zu Gottesdiensten gingen, so war es zum Erntedankfest klar, dass wir auch später noch dahin gingen. „Da wonn mr hingoah“, sagte die Mutter. Natürlich gingen viele Menschen aus der Straße und aus dem Wohnviertel ebenfalls. Die Kirche war gut gefüllt. Ein Ährenkranz oder Feldfrüchte auf oder neben dem Altar. Hier und da auch Erntekronen, die bei uns aber seltener waren. „Danke“ im Gebet, dass wir ernten konnten und zu essen haben. Das Erntedankfest wurde und wird zu unterschiedlichen Terminen gefeiert, je nach Religion und Region und Anbauschwerpunkten wie Wein und anderem. In der Religion spielt dafür der Michaelistag Ende September eine wichtige Rolle. Früher feierten wir Erntedank am 1. Sonntag im Oktober. So haben wir es bis heute gehalten, egal, wann kirchlich Erntedank auf dem Plan steht.

Kartoffeln waren wichtig
Ende September, Anfang Oktober waren in den Gärten schon länger die Johannes´-, Stachel- und Himbeeren abgeerntet, nun standen Kartoffeln, Weiß- und Rotkohl, die Stangenbohnen und hier und da Kürbis auf dem Plan. Im Siegerland gibt es zig Häuser mit Gärten, sogar in der Stadt mit den Siedlungshäusern, Ein- und Zweifamilienhäuser mit relativ großen Grundstücken auf den Siegener Bergen und sogar bei kleinen Wohnblocks. Richtig viel Land ums Haus haben die „Siedlerhäuser“, teils nach dem so genannten „Reichsheimstättengesetz“ gebaut. Im Großen und Ganzen eine gute Sache. Auf dem „Land“ gab es natürlich noch viel mehr Land ringsum. So richtig große Gärten, Obstbaumwiesen und Felder und Wiesen etwas außerhalb.



Erntedank im Gottesdienst, mit Erntekrone. (Alle Fotos: (c) Presseweller)


Doffeln und mehr
Bei der Doffelernte (Kartoffelernte) gab es meist viele Helfer. Wir gingen auch auf den Westerwald zu Verwandten, um Kartoffeln auszumachen. Zum Schluss wurde ein kleines Feuer entfacht, um Kartoffeln „anzubraten“. Sie wurden dann vor Ort gegessen. Köstlich. Mitte und Ende der 1950er erfolgte der Abtransport dann auch nicht mit einem vom Traktor gezogenen Anhänger, sondern vom Ochsen- oder Pferdegespann. Doffeln oder Duffeln spielen im Land an der Sieg nach wie vor eine wichtige Rolle bei der Ernährung, auch im nahen Westerwald, wo sie teils „Ärpel“, „Erdäppel“, also Erdäpfel, heißen.
Früher waren meist immer auch Kräuter im Garten, Schnittlauch und Suppenkraut, was im Siegerland „Sobbekrutt“ heißt. In den ländlichen Gebieten, wo Bauern und Nebenerwerbsbauern „das Feld bestellten“, war es wichtig, „dat die Schüer voll wuahr“, dass die Scheune voll wurde. Im Vordergrund stand dabei das Korn. In den Zeiten, in denen noch nicht Großflächenmaschinen einen guten Teil der Ernte bewerkstelligten, war es harte Arbeit, die Feldfrüchte einzubringen.

Selbst Gezogenes schmeckt
Früher und heute – immer mehr – wissen die Eigenanbauer und diejenigen, die so etwas selbst Angebautes in Gerichten kosten können, den natürlichen und nachhaltigen Geschmack von allen diesen Erzeugnissen, die der Boden hergibt, zu schätzen. Da schmeckt die Tomate noch so richtig tomatisch, der Kohl ursprünglich, die Stangenbohne als Salat oder im Eintopf so wunderbar, dass man jede Dose mit Brechbohnen und Co. vergessen wird. In vielen Restaurants setzt man seit wenigen Jahren schon auf Produkte aus der Region, also von regionalen Erzeugern.
Authentisch, bodenständig, ungespritzt oder behandelt und auch nicht Tausende Kilometer umhergekarrt, so wissen die Menschen, die ihre Früchte selbst anbauen, ihre Ernte zu schätzen – eine Zutat zu „gesunder Ernährung“. Wer mal eine alte Apfelsorte aus dem Garten probiert hat, weiß, je nach Sorte, um Saftigkeit, Süße, leicht säuerlich und anders, wie wunderbar das schmeckt. Das ist bei Tomaten, Kohl und anderem auch so. Wer sich von der Pfefferminze im Garten einen Tee zubereitet, merkt direkt, wie viel anders, intensiver das ist, als ein gekaufter Pfefferminztee. Wer das schätzt, wird irgendwann nur wieder ungern auf das auf Ertrag und Masse ausgerichtete Obst, Gemüse und Co. zurückgreifen. Selbst sagte man je nach Eigenlandbäumen früher gern: „Oose Äppel schmecke emmer noch am beste“. So ging es und geht es auch mit anderem selbst angebautem Obst und Gemüse.



Selbst geerntet: Das schmeckt irgendwie anders und intensiver und ist lecker, egal, ob Kartoffeln, Äpfel, Kohl und mehr. Es funktioniert meist auch im kleinen Garten. 


Armut geht leider weiter
Nach wie vor ist der Hunger in der Welt bei Weitem nicht gestillt, wenn die UN auch im Mehr-Jahresvergleich Besserungen sieht. Gerade viele der so genannten „armen Länder“ sind von Krieg oder inneren gewalttätigen Unruhen betroffen. Unabhängig vom Klimawandel, den es alle Jahrtausende und auch alle paar Jahrhunderte gibt, haben manche Erdzonen seit Generationen mit Trockenheit oder Wassermassen sowie teils mit verheerenden Stürmen zu kämpfen. Manche wie in Afrika versuchen, sich mit Saatgut, das sie kaufen müssen, für besseren Ertrag zu helfen. Vielleicht wäre es besser, hier nur laienhaft ohne Bewertung dargestellt, sich auf das zu verlassen, was der Boden hergibt. Die Wissenschaftler für Biologie, Boden, Anbau, Landbewirtschaftung und Co. sollten hier Antworten geben und tun das wohl auch zum Teil.

Kurz, hier bei uns, im Siegerland und anderswo, haben wir allen Grund, „danke“ zu sagen, dass wir täglich unser „Brot“ haben, wie es schon im Vaterunser steht. Und in Siegerländer Platt sagt dann jemand: „Mr mosse froh sinn, dat es oos so goaht geahrt.“ (Wir müssen froh sein, dass es uns so gut geht). Erntedank bietet eine Gelegenheit dazu, sich das ins Bewusstsein zu bringen. 
Im September 2015 

Freitag, 18. September 2015

Buch-Juwel: Alte Zeiten im Siegerland


Nach dem Volksempfänger gab es modernere Radios. (Repro: presseweller)



Magazine Teil 2 sind beim Verlag Buch-Juwel bereits in Arbeit


September 2015. Siegen (Dialog/ prw). Nach den Auftakt-Ausgaben von „Alte Zeiten im Siegerland“ und „Damals in Siegen – Am Rosterhüppel und anderswo“ wird beim Verlag-Buch-Juwel nun mit Hochdruck an den Folgeausgaben gearbeitet. Die bebilderten Magazine sind gerade für die Generation, die den Krieg noch miterlebt haben und die nachfolgende Generation interessant, die ihre Kindheit in den 1950er- und 1960er-Jahren hatten. Damit viele es lesen können, sind die Magazine zum Blättern frei aufrufbar.

Im ersten Teil von „Alte Zeiten im Siegerland“ stellte der Verlag Begebenheiten aus den 1930er- und bis in die 1940er Jahre vor. Im Teil 2 wird es um Kriegs- und Nachkriegszeiten gehen, Bunker, Besatzung, Nachkriegszeit.
Um Schule, Spiele und mehr in den 1950er- und bis in die 1960er-Jahre geht es im Magazin „Damals in Siegen“, das einen Schwerpunkt am Rosterberg hat, der auch „Rosterhüppel“ genannt wird. Da werden sich so einige noch an Leimbachsweiher erinnern, an Spaziergänge mit den Eltern durch Wald und Flur.
Die bisherigen Magazine sind über die Seite „Magazine, Videos, Blogs“ über www.buch-juwel.de frei zum Lesen aufrufbar.


Hinweis: Der Verlag-Buch-Juwel beschäftigt sich vorwiegend mit Siegerländer Themen. Daher auch „Sejerlänner“. Von den verschiedenen Heimatbüchlein ist zurzeit nur noch „Em Siegerland“ verfügbar. Die übrigen sind verlagsmäßig schon lange ausverkauft. Besondere Akzente setzte der Verlag mit „Wo Riewekooche auf den Bäumen wachsen“ und „Wo Eisen in den Bergen“ liegt. In den Büchern ist Mundart stets ein Thema, auch in religiöser Verbindung wie mit der Geburtsgeschichte, dem Vaterunser oder dem Glaubensbekenntnis in Platt. Auf den Seiten wird auch ein Mundart-Wörterbuch betrieben.  

Samstag, 29. August 2015

Decke Doffeln em Sejerland



Dicke Kartoffeln im Siegerland / Reibekuchen und Geschichten




Die Ferndorfer dickste Kartoffel wird wohl noch viel größer sein. (FotoMont.: presseweller)

 August 2015. Kartoffeln waren und sind teils noch fester und häufiger Bestandteil des wöchentlichen Speiseplans bei vielen Siegerländern. Sind die Doffeln oder Duffeln, wie man in der südwestfälischen Region zu sagen pflegt, doch auch die Basis für das Reibekuchenbrot, den "weltbekannten?" Riewekooche, und anderes.

Riewekooche, dieser Begriff ist längst ein Schlagwort für die Einheimischen, auch wenn sie sich fern der Heimat treffen. Man personalisiert den Begriff dann sogar „Best du och e Riewekooche?“ (Bist du auch ein Reibekuchen, ein Siegerländer?). Kartoffeln spielen aber ebenso eine Rolle beim Bäckel, auch eine Art Brot, bei der Dofflnsobbe (Kartoffelsuppe) und den Bröhduffeln, Brühkartoffeln, so ähnlich wie Kartoffelsuppe. Kartoffelsuppe wie der Kartoffelsalat und die früher mit Schmalz gebackenen Reibeplätzchen, die im Siegerland wie das Brot, Reibekuchen, genannt werden, sind aber auch Bestandteil anderer Küchen. Besondere Begriffe sind zum Beispiel noch Quellmänner für Pellkartoffeln, gequallde Gestalde für Pellkartoffeln in einer Zwiebel-Specksoße und (Sejerlänner) Riewe-Klöarße, Klöße aus rohen und gekochten Kartoffeln, wozu eine Zwiebel-Specksoße gehört. Nicht zu vergessen: Riemches-Doffeln, in dicke Streifen geschnittene rohe Kartoffeln, die mit Zwiebeln und mehr gebraten werden. Geht schnell und schmeckt gut. (Mehr zu Siegerländer Gerichten und Backwerken im kleinen Magazin über buch-juwel.de)

Auf der Schubkarre
Dass im Siegerland wie auch im Westerwald früher häufig Kartoffeln angebaut wurden, hat seine Gründe unter anderem in Topographie und Böden. „Anstrengend, aber schön“, sagen viele, die früher die Ernte mitgemacht oder als Kinder geholfen haben. Nach getaner Arbeit saß man gern am „Kartoffelfeuer“ zusammen, in der Glut schmorten frische Kartoffeln, die einfach wunderbar schmeckten, wenn sie endlich „durch“ waren. Auch heute sind noch Kartoffelfelder zu sehen, und dem Spätsommer und Herbst zu laden örtliche Vereine oder Gemeinschaften in verschiedenen Orten zu Kartoffelbratfesten ein.

Ob zu Kartoffeln oder anderem: Schon lange gibt es Geschichten zum Siegerland und Siegerländern mit einer heiteren, lustigen Seite. In früheren Büchern wie „Heiteres aus dem Siegerland“ und anderen, unter anderem im Verlag Vorländer herausgegeben oder in Selbstverlagen, gab es insgesamt viel Lustiges, ob Geschichten zu Thomas Louis und in Beiträgen/ Büchern von Dr. Lothar Irle. In den kleinen Heimatbüchern des Verlags Buch-Juwel greift Autor Georg Hainer ebenfalls oft auf Begebenheiten wie „Die Vermessung der Telefon-Welt“ zurück, die zum Schmunzeln anregen. In diesen unterschiedlichsten Arbeiten erfährt die Leserschaft einiges über die Mentalität der Siegerländer und Brauchtum. So blieb es nicht aus, dass auch die Kartoffel beleuchtet wurde.
In einer alten Geschichte, die man schon als junger Mensch gelesen oder zumindest erzählt bekommen hat, wenn man heimatinteressiert war, ging es um die Kartoffel, um „dicke Kartoffeln“. Die sollten danach die Ferndorfer haben. Die Kartoffeln waren so groß und schwer, dass ein einziges Exemplar mit der Schubkarre transportiert werden musste, es ist sogar von einem Kuhgespann die Rede. Aus solchen Geschichten hat sich der Spruch erhalten „Die Ferndorfer haa de deckste Doffeln“ (die Ferndorfer haben die dicksten Kartoffeln). Schön.
In Ferndorf hat sich die Sache mit der dort genannten „degge Duffel“ erhalten. So wird der Seite www.ferndorf.de des "Vereins zur Pflege der Dorfgemeinschaft Ferndorf" Medienberichten nach zum Jubiläum „200 Jahre Westfalen“ im Dortmunder Museum für Kunst- und Kulturgeschichte“ bis ins nächste Jahr hinein eine von der Dorfgemeinschaft gelieferte, naürlich handwerklich hergestellte und gestaltete, also nicht gewachsene, Ferndorfer Riesen-Kartoffel zu sehen sein. Gespannt sein darf man schon auf die Duffel im Jahre 2017. Dann feiert der Ort, der zu Kreuztal gehört, sein 950-Jähriges. Da werden sich die „Züchter“ wohl noch einiges einfallen lassen. (Jürgen Weller)


Geschichten und mehr zum Siegerland in Magazinen zum Blättern und Blogs können Sie – zugangsfrei – über http://www.buch-juwel.de aufrufen und lesen. Sie finden dort auch Hinweise auf Heimatbücher des Verlags und Poster.